Wald-Yoga: Zurück zu den Wurzeln
Erschienen in der Zeitschrift Omnia Juni 2020, von R. Angermeier

Yoga hat eine jahrtausendealte Tradition. Wenn wir uns auf die Suche nach den Wurzeln dieser philosophischen Lehre machen, finden wir in den alten indischen heiligen Schriften, den Upanishaden, Hinweise über die Verknüpfung von Yoga und Wald. Die Brihadaranyaka Upanishad, eine der ältesten Upanishaden, heißt übersetzt „die große dem Wald zugehörige Lehrrede“. Der Wortteil „Aranya“ bedeutet Wald bzw. Wildnis. Für ihre Weisheitssuche haben die Yogis von damals offensichtlich den Wald als Lehrer zu schätzen gewusst. Warum aber könnten die Wurzeln des Yoga tatsächlich im Wald liegen?

Das Sanskrit-Wort „Yoga“ bedeutet übersetzt Verbundenheit oder Wiedererinnerung. Sich selbst wieder näherzukommen, sich selbst zu erkennen und sich als natürliches Wesen zu fühlen, darum geht es im Yoga. In einer natürlichen Umgebung wie dem Wald ist die einfacher möglich als zum Beispiel in geschlossenen Räumen. „Wiedererinnerung“ aber bedeutet, dass wir in unserem Wesenskern wieder eins mit der Natur werden, dass wir uns in jedem Augenblick des Lebens genau daran erinnern und dass dieses Bewusstsein der Verbundenheit ein Strahlen in unserem Inneren ist, das unseren Lebensweg stets hell erleuchtet!
In der Praxis des Yoga spielt die Ausrichtung eine
entscheidende Rolle. Eine Körperübung (Sanskrit: Asana) beispielsweise ist nach dem indischen Gelehrten Patanjali die Ausrichtung auf ein stabiles und feines, bewusstes Sein. Dein Leben, mit oder ohne Yoga, ist nichts anderes als ein Spiegel deines Bewusstseins. Die Frage ist nur: Worauf richtest du dich aus?

Wir leben gerade in einer Zeit, in der die Ausrichtung vieler Menschen mit Angst verbunden ist: Angst vor einem tödlichen Virus, die Angst vor einer ökologischen Katastrophe durch den Klimawandel, die Angst um die eigene monetäre Absicherung aufgrund eines möglichen Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems usw. Die kollektive Verunsicherung wird dabei maßgeblich durch Medien verstärkt, die die vermeintliche „Wahrheit“ entweder bewusst verschleiern oder gekonnt manipulativ überbetonen. Wir wissen also nicht mehr wirklich, wem und was wir tatsächlich glauben können. Wir haben allerdings in jedem Augenblick die Wahl, ob wir nur mit Smartphone, Social Media und aktiviertem Live-Ticker durchs Leben gehen oder den Gang in die Natur und in den Wald antreten, um uns dort auf die Suche nach einer anderen Wirklichkeit, einer natürlicheren Art der Verbundenheit zu machen. Viele versuchen heutzutage ihr Leben komplett fernab der Natur zu leben, aber um welchen Preis? Durch den Auszug aus dem Wald, unserem natürlichen Zuhause über viele tausende von Jahren, sind wir als Kollektiv im Grunde nur krank geworden.

Im Wald-Yoga ist uns diese Entfremdung bewusst und wir versuchen, uns wieder auf unsere Natürlichkeit einzuschwingen. Schließlich leben es uns die Tiere und Pflanzen in ihrem natürlichen Umfeld rund um die Uhr vor. Dabei ist es wichtig, dass wir nicht als Besucher oder Konsumenten in den Wald gehen, also wieder etwas HABEN wollen, sondern möglichst ohne Konzept, Vorstellung oder einen tiefergehenden Anspruch.
Im Yoga sind wir zudem immer „Anfänger“. Nicht, weil wir dumm sind und nichts dazulernen, sondern weil die fortlaufende Ausrichtung auf den Anfang und damit auf die Gegenwart essentiell für die Praxis des Yoga ist. Yoga geschieht immer im Hier und Jetzt. Hier, an diesem Ort, an dem ich die Erde unter meinen Füßen oder Sitzbeinhöckern spüre, und Jetzt, in diesem Moment, in dem ich den Lufthauch auf meiner Haut fühle, die Vielfalt im Wald rieche und den Gesang der Vögel höre.

Die Wahrnehmung über die Sinne hat im Wald-Yoga einen besonderen Stellenwert. Der Fachausdruck im Yoga hierfür ist „Pratyahara“, was ich gerne mit „Urwahrnehmung“ oder „Meisterschaft über die Sinne“ übersetze. Es geht also nicht darum, im Wald abzuschalten oder den Fokus nur auf einen Aspekt zu richten, sondern darum, so viel wie möglich mitzubekommen. Das ist mit dem Begriff „Urwahrnehmung“ gemeint. Ein Tier, welches jederzeit damit rechnen muss, zur Beute für ein anderes zu werden, kann es sich nicht erlauben, nur fragmentiert wahrzunehmen. Es muss ständig hellwach sein und gleichzeitig entspannt. Als wir noch selber wie Tiere im Wald lebten, war das bei uns ganz genauso. Es entspricht weitaus mehr unserer Natur, jeder Erscheinung um uns herum vollkommen gewahr zu sein, als beispielsweise einen Computer bedienen zu können. Im Einklang mit unserer Natur zu leben bedeutet, die Sinne wieder zu schärfen und sie zusammenzuführen. Das betrifft in erster Linie die drei „leichten Sinne“ Sehen, Hören und Fühlen. Das heißt, wenn wir uns im Wald bewegen, sind wir stets fühlend anwesend und können die Vielfalt gleichzeitig sehen, hören und fühlen, als wäre es MIT EINEM Sinn. Dein Gewahrsein fühlt sich dann so frisch, so neu, so lebendig und fließend an. Der Waldgang wird zu einem Abenteuer. Ein derart versammeltes Bewusstsein bildet die Grundlage für deine Präsenz.

Es geht im Wald-Yoga nicht so sehr darum, eine erlernte Technik möglichst korrekt auszuführen, vielmehr ist von Bedeutung, wie es gelingt, im Lebensfluss einen kreativen Ausdruck in der Bewegung, in der Haltung und in der Atmung zu finden.
Körperhaltungen (Asanas), Atemübungen (Pranayamas) und Meditation (Dhyana) sind die drei essentiellen Methoden im Yoga, die sich alle in der Umgebung des Waldes im versammelten Bewusstsein ausführen lassen. In einem versammelten Bewusstseinszustand ist dieser Bewegungsausdruck kwahrhaftig.
Über die Anbindung an die Erde, die dich trägt, erfährst du Kraft. Diese Energie richtet dich auf und ergreift deinen Brustkorb und deine Atmung. Du fühlst dich schön und stolz in deiner Beweglichkeit. Das, was du nun verkörperst, ist stets unmittelbar und Ausdruck deines Daseins. Du befindest dich fortan im Dialog mit der „Mehr als menschlichen Welt“. Ähnlich einem Vogel, dessen Frühlingslied Ausdruck seiner Verbundenheit ist: Er singt einfach – weil es seine Natur ist – und gleichzeitig gedeihen die Pflanzen um ihn herum besser. Jede echte Beziehung ist reziprok: Wenn du dich ausdrückst, antwortet die Natur. Im Wald-Yoga erkennst du immer mehr, dass deine vermeintliche Trennung von der Natur eine Illusion und keine Wirklichkeit ist. Kannst du dich im Spiegel der Natur selbst erkennen, deinen Wesenskern, deine Quelle, deine Essenz? Wald-Yoga ist eine Einladung, dies zu tun.

 

5 Wald-Yoga-Übungen

 Ankommen – der Atem des Waldes

Lege dich in Shavasana, der Rückenhaltung, an einen schönen Ort im Wald. Schau mal nach, wie weit du dich öffnen magst, indem du vielleicht die Beine und Arme etwas weiter abspreizt. Nachdem du dich mit dem Ort vertraut gemacht hast, schließe deine Augen und achte auf deinen Körper. Vielleicht kannst du gleich das Fließen in deinem Körper wahrnehmen, als Ausdruck deiner Lebendigkeit? Achte dann auf deine Atmung, wie sie kommt und geht, ohne darauf Einfluss zu nehmen. Mit der Einatmung dehne dich in deiner Wahrnehmung aus und mit der Ausatmung lass dich tiefer sinken. Bleib ganz bei dieser Atembeobachtung und versuche wahrzunehmen, ob deine Atmung ganz natürlich feiner wird und sich das Gefühl des Fließens in deinem Körper weiter verstärkt. Über deine Atmung bist du mit allem um dich herum verbunden, kannst du das fühlen?

 Hingeben – die Verbeugung vor dem Mond

Setze dich in den Fersensitz. Spüre und fühle deinen Körper. Atme ein und strecke beide Arme zum Himmel hin aus. Mach dich lang. Atme aus und beuge dich nach vorn. Die Arme bleiben nach vorn ausgestreckt. Leg die Hände und die Stirn auf den Boden. Lass dich in die Mutter Erde hineinsinken. Diese Asana kultiviert den weiblichen Aspekt der Hingabe. Lass los und fühle die Geborgenheit, die dir die Haltung gibt. Atme weiter entspannt. Mit jeder Ausatmung hast du eine neue Chance, dich weiter sinken zu lassen. Entscheide selbst, wann es Zeit ist, wieder aufzutauchen. Einatmend richtest du den Oberkörper wieder auf. Spüre der Empfindung eine Weile mit geschlossenen Augen im Fersensitz nach.

Verwurzeln – der Baum im Wind

Suche dir im Wald einen Baum, mit dem du dich gleich verbunden fühlst. Stelle dich daneben, die Füße sind hüftbreit und die Hände mit einer öffnenden Geste nach vorne ausgerichtet. Lass die Augen ruhig geöffnet. Nimm mit deinen Sinnen, mit deinem Sehen, Hören und Fühlen die belebte Welt um dich herum war. Spüre die Erde unter deinen Füßen und verwurzele dich, wie dein Freund, der Baum. Versuche die Verbundenheit zu fühlen und höre die Stille, in die du gerade eintauchst. Vielleicht kannst du auf deiner Haut einen Lufthauch spüren? Stille und Ruhe haben nichts mit der Abwesenheit von Bewegung zu tun. Alles, was geschieht, ist nur feiner, gleichzeitig intensiver. Natur ist stets im Fluss. Möchtest du mit ihr fließen? Wann immer der Impuls kommt, dich zu bewegen, lass es zu. Schau mal nach, ob du dich in einer Bewegung kreativ ausdrücken kannst. Mach dir keine Gedanken darüber, wie das wohl aussieht, oder über richtig oder falsch. In dem Moment, in dem du deiner selbst vollkommen bewusst bist, ist dein Ausdruck stets wahrhaftig. Sei die ganze Zeit hellwach. Während du dich als Ausdruck deiner Verbundenheit bewegst, fühle dich durchlässig, wie ein Baum im Wind.

Hüten – der Krieger des Waldes

Stelle dich aufrecht und gerade hin. Spüre die Erde unter deinen Füßen und nimm die tiefe Verbindung zu Mutter Natur wahr. Der Krieger, die Kriegerin des Waldes bist du! Der Krieger ist gleichzeitig der Hüter des Waldes.

Mache nun mit einem Bein einen großen Ausfallschritt nach vorn. Das vordere Bein ist gerade aufgestellt, das Knie über der Ferse. Das hintere Bein ist gestreckt und dein hinterer Fuß hat sich wahrscheinlich schon von alleine leicht nach vorne hin ausgerichtet. Nun hebe beide Arme, bis sie parallel zum Boden sind. Richte deinen Blick fokussiert auf die Fingerspitzen deiner vorderen Hand. Achte in deiner Aufrichtung auf die Körperspannung in deinen Armen. In deiner Haltung sind Kraft, Energie und Ausdruck. Als Hüter des Waldes nimmst du diese Schönheit und diesen Stolz in deiner Präsenz wahr. Du selbst bist Intensität und Schönheit.

Entscheide, wann es Zeit für dich ist, aus der Haltung zu kommen. Mache dich locker und übe die Haltung nun mit der anderen Seite. Natürlich lebt die Asana von der Intensität, die du auf der einen Seite mit deiner Ausrichtung und auf der anderen Seite mit der zeitlichen Länge der Übung erzielst. Achte jedoch beim Üben darauf, dass du nicht zu ehrgeizig wirst, sondern versuche die Asana gleichermaßen still und fein zu halten.

Verbinden – die Meditation der Elemente

Suche dir einen Platz im Wald, an dem du dich sicher und geborgen fühlst. Lege dich auf den Rücken und schau mal nach, wie bei der Übung „Ankommen“, wie weit du dich mit Armen und Beinen öffnen magst.

Mit der Ausatmung lass los und lass dich tiefer sinken. Sei dir der Auflagepunkte gewahr und mache eine kleine Körperreise zu den Körperregionen, mit denen du die Erde berührst. Mit der Ausatmung verwurzele dich mit der Erde, die dich trägt. Die Erde ist deine Heimat. Die Erde ist deine Mutter, die dich hervorgebracht hat und dich nährt. Kannst du das spüren? Je mehr du dich auf die Qualität der Erde einlassen kannst, desto mehr wirst du die Kraft in dir spüren, die dich erhebt.

Komme dann mit deiner Aufmerksamkeit zu den Körperregionen, mit denen du in Kontakt mit dem Element Luft bist, also zu jenen Bereichen, die nicht den Boden berühren. Mit der Einatmung dehne dich aus und versuche mit der Körpervorderseite das Gefühl von Weite und Leichtigkeit in deinem Körper zu spüren. Kannst du die Freiheit darin wahrnehmen?

Dein Körper besteht zu ca. 70 Prozent aus Wasser. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn du in deinem Körperinneren ein Gefühl des Fließens wahrnehmen kannst. Alles fließt, pulsiert, vibriert und ist Ausdruck deiner Lebendigkeit. Dehne dieses Gefühl des Fließens über deinen ganzen Körper aus.

In deiner Magengrube befindet sich dein Sonnengeflecht. Es ist das Zentrum in deinem Körper, in dem du am deutlichsten das Element Feuer wahrnehmen kannst. Richte dich nun auf dieses Zentrum etwas oberhalb deines Bauchnabels aus. Kannst du dort eine Wärmequelle spüren? Wenn ja, dehne dieses Glühen bis in deinen Brustkorb aus, bis es sich in deinem Herz warm und weich anfühlt. Nun kannst du dein mitfühlendes Herz allem und jedem gegenüber öffnen. Wie fühlt sich das an? Kannst du die Verbundenheit mit der „Mehr als menschlichen Welt“ fühlen?

Kehre im Laufe der Meditation auch immer wieder zu den anderen Elementen zurück. Je mehr Erfahrung du mit der „Meditation der Elemente“ bekommst, desto leichter wird es dir fallen, alle Elemente gleichzeitig wahrzunehmen.

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Reiner Angermeier & Andrea Wichterich
Yogalehrer, Heilpraktiker

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